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Kurt Kaindl

Orte der Erinnerung

An der neun Kilometer langen Zufahrtsstraße von der Ortschaft Andau zur Brücke von Andau, der sogenannten „Fluchtstraße“ des Ungarnaufstands (1956), stehen Holzskulpturen von Künstlersymposien der vergangenen Jahre.Auf diesem Autobahnabschnitt in unmittelbarer Nähe des Designer Outlet Parndorf wurde am 26. August 2015 ein Lkw mit geflüchteten Menschen entdeckt, die darin erstickt waren.Auf dem Gleis 1 des Westbahnhofs kamen die Flüchtlingszüge an und wurden unter anderem von MitarbeiterInnen der Caritas versorgt. Milena war für Rechtsberatung zuständig.Markierungen und leer stehende Gebäude der ehemaligen Grenzanlagen zu Ungarn.Graffiti auf leer stehenden Gebäuden des ehemaligen GrenzübergangsMagdalena und Heinz vermieten seit Jahren Räume in ihrem Haus an eine kosovarische Flüchtlingsfamilie und unterstützen sie bei ihrer Integration. Aufnahme im Wohnzimmer mit Mutter und Tochter im Hintergrund.Wohnung mit mehreren Flüchtlingsfamilien in einer ehemaligen Tischlerei in Marchtrenk.Martin betreut ehrenamtlich eine Wohnung mit mehreren Flüchtlingsfamilien in einer ehemaligen Tischlerei in Marchtrenk.Zelt zur Erstversorgung am Grenzübergang in Spielfeld.Mauer mit Werbung direkt hinter der Pension Grenze am Grenzübergang in Spielfeld.Dorothea mit ihrem Sohn Benjamin und dem geflüchteten Ramin, dessen Patenfamilie sie sind.Unter dem Titel „Der Container – Flucht, Wohnraum, Kunst“ wies Alexander als Mitglied einer Projektgruppe bei einer städtischen Veranstaltung auf die zwiespältige Bedeutung der Container für geflüchtete Menschen hin. Der bemalte Container steht jetzt in einem Hinterhof.Die Künstlerin hat eine Fahrradreparaturwerkstätte mit geflüchteten Menschen initiiert, in der gespendete alte Fahrräder wieder instand gesetzt werden. Eines dieser wiederhergestellten Räder haben die TeilnehmerInnen der Reparaturwerkstätte mit ihren Namen signiert und ihr zur Erinnerung geschenkt.Mauerdetail der Grenzanlagen in Spielfeld.Graffiti in einer Halle im ehemaligen Postverteilzentrum in Linz, in dem durchreisende Flüchtlinge erstversorgt wurden. Die museale Beschriftung „Jetzt bin ich allein. Getrennt von dir. Wenn ich vor dir weglaufe, wohin soll ich laufen?“ ist Teil eines Kunstprojekts der Ars Electronica.Alois vor dem Eingang zur improvisierten Küche. Er half bei der Essensversorgung der Geflüchteten während des Zwischenaufenthalts im ehemaligen Einkaufszentrum Euroshopping in Graz Webling.Der verein-freiraum – Frauenservicestelle des Bundes bietet auch Unterstützung für Frauen mit Fluchthintergrund und Deutschkurse mit ehrenamtlichen Lehrerinnen in seinen Räumen an.Graffiti, Wien, 2016Nikolai leitet in Traiskirchen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Erstaufnahmezentrum den „Garten der Begegnung“, ein gemeinsames landwirtschaftliches Projekt von BürgerInnen und Geflüchteten auf einem ein Hektar großen Areal.Diese Gruppe produzierte gemeinsam mit geflüchteten Menschen den Film Mein Name ist. Ich bin, der zur Eröffnung von Crossing Europe in Linz uraufgeführt wurde. Die Filmemacher stehen gegenüber dem Erstaufnahmelager und vor einem Asylantenheim, wo die Idee zum Film entstanden ist.Graffiti in einer Halle im ehemaligen Postverteilzentrum in Linz, in dem durchreisende Flüchtlinge erstversorgt wurden.Martin, Leiter des Ars Electronica Festivals, entwickelte die Idee, in der zentralen Halle des ehemaligen Postverteilerzentrums in Linz für jeden geflohenen Menschen, aber auch für jede/n HelferIn einen Blumenstock aufzustellenJohannes kümmerte sich im Auftrag der Stadt Salzburg um die Kommunikation und die Presseanfragen. In der Tiefgarage des Hauptbahnhofs war eine Erstunterbringung für die nach Salzburg kommenden Flüchtlinge eingerichtet worden.Decken und Bettwäsche lagern noch im ehemaligen Einkaufszentrum Euroshopping in Graz Webling. Hier war das Transitlager A eingerichtet.Ingrid vor dem Einfahrtstor einer lange stillgelegten Kaserne des Bundesheeres, in der geflüchtete Menschen untergebracht wurden, die sie ehrenamtlich betreut.In einem der Zelte des Transitlagers kurz vor der deutschen Grenze, das jetzt noch für einen möglichen weiteren Anstieg flüchtender Menschen in Bereitschaft gehalten wird. Michael sorgte als ehrenamtlicher Helfer mit einer kleinen Gruppe von MitarbeiterInnen für den geordneten Grenzübertritt.Die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Vereins KAMA – Kurse von Asylsuchenden, MigrantInnen und Asylberechtigten im Kulturzentrum MARK, in dem viele dieser Kurse und Veranstaltungen stattfinden.

Über die Arbeit

Kurt Kaindl

Orte der Erinnerung

Das Schicksal der Geflüchteten im Sommer 2015 und die Reaktion vieler Menschen,
die spontan zu helfen versuchten, ist das Thema meiner fotografischen Arbeit. Die Form meiner Bilder ist die des erweiterten Porträts, indem ich die Helferinnen und Helfer aus dieser Phase der Flüchtlingskrise als Zeitzeugen aufrufe und mit ihnen jene Orte besuche, an denen sie mit den Geflüchteten zusammengetroffen sind. Gleichzeitig sind dies auch die Orte, an denen die Spuren dieser Ereignisse und der geflüchteten Menschen noch zu sehen sind und in dokumentarischer Form von mir abgebildet werden. Die kurzen Bildbeschreibungen verdeutlichen diesen Zusammenhang, lassen aber ebenso wie die Bilder ein weites Feld für die Vorstellungen und eigenen Erinnerungen der Betrachterinnen und Betrachter offen.

Ich zeige die Geschehnisse der unmittelbaren Vergangenheit, die als Ereignisse noch in allen von uns lebendig sind so, als ob in einer fernen Zukunft daran erinnert würde.

Kurt Kaindl


Kurt Kaindl, geboren 1954 in Gmunden, studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaft. Er realisierte dokumentarische Fotoprojekte mit dem Schriftsteller Karl-Markus Gauß (Ausstellung und Buch Die unbekannten Europäer) und über den ehemaligen Eisernen Vorhang (Reisen im Niemandsland). Lebt und arbeitet in Salzburg

Essay

Text von Christiane Kuhlmann

Wir alle haben noch die Bilder im Kopf, die im Sommer 2015 um die Welt gingen: Flüchtlingsströme auf den Straßen Europas, übervolle Züge, mit denen die Menschen versuchten, die Orte des Krieges und der Gewalt hinter sich zu lassen. Bilder, die jede nur denkbare Reaktion hervorriefen, die zwischen die Begriffe „Willkommenskultur“ und „Obergrenze“ passte. Seit der Abschottung Europas durch das Schließen der sogenannten Balkanroute sind diese Bilder Vergangenheit. Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl, denn faktisch sind solche Bilder – und Ereignisse – ja dadurch lediglich ausgeblendet.

Nicht zum ersten Mal machte sich Kurt Kaindl mit seiner Kamera auf den Weg, um an Orte von geschichtlicher Bedeutung zu fahren. 2002 fotografierte er Die unbekannten Europäer. 2006 fuhr er von Lübeck nach Triest, durch das Niemandsland entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Diesmal blieb er in Österreich und fotografierte jene Orte, die im Sommer 2015 für Schlagzeilen sorgten: Die schnurgerade „Fluchtstraße“ nach Andau an der Grenze zu Ungarn, die schon seit dem Aufstand 1956 diesen Namen trägt; die Stelle an der A4 bei Parndorf, wo man im August 2015 einen Lkw entdeckte, in dem Flüchtlinge erstickt waren; den Wiener Westbahnhof sowie Unterkünfte, Erstaufnahmelager und Offspaces, an denen Menschen Initiativen für und mit Flüchtlingen entwickelt haben.

Ein Jahr danach zeigen die Bilder nichts mehr von der Hektik, nichts mehr von den Anstrengungen der Ankommenden und deren Helfern. Es sind überlegte Arbeiten,
die den Eindruck erwecken, als würde Kaindl auf das Echo der Ereignisse lauschen.
Als suche er nach Spuren, die sich in die Orte eingeschrieben haben, aber schon bald nicht mehr lesbar sein werden. Diese Ortsansichten verbindet der Fotograf mit Porträts von Helfern, Initiatoren oder Menschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Obwohl Kaindl konkrete Personen vor die Kamera gebeten hat, stehen diese stellvertretend für die vielen, die die Ankunft der Flüchtlinge in Österreich menschlicher gemacht haben. Dadurch hat der Fotograf seine Bilder mit einer doppelten Struktur unterlegt. Er blickt zurück auf die Plätze im Land, die man in der Geschichtswissenschaft Orte der Erinnerung nennt. Und er aktualisiert diese Orte durch subjektive Blickrichtungen und situative Porträts. Manchen Abgebildeten sieht man an, dass sie sich mit dem Fotografen unterhalten, andere scheinen nur für einen kurzen Augenblick anzuhalten, wie Nicolai in Traiskirchen oder Beba in Leibnitz. Im Bild gibt es für Kaindl kein hartes Schwarz und Weiß. Er setzt auf Zwischentöne und zeichnet mit der Kamera Situationen nach, die als Ergänzungen zum Bildgedächtnis des Sommers 2015 zu verstehen sind. Kaindl steht mit dieser Sichtweise in einer Bildtradition, die seit der bahnbrechenden Ausstellung „New Documents“ 1967 im New Yorker Museum of Modern Art von John Szarkowski als jene Fotografie definiert wird, die in der Dokumentation eine persönliche Haltung widerspiegelt.


Christiane Kuhlmann, geboren 1967 in Essen, ist promovierte Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Sie leitet die Sammlung Fotografie und Medienkunst am Museum der Moderne Salzburg.