Silvia Eiblmayr

47°26’47.70“N 12°23’27.28“E

Werner Kaligofsky wirft einen systemischen Blick auf seinen Heimatort Kitzbühel, indem er eine Reihe von miteinander verschränkten Phänomenen thematisiert: Kitzbühel, dessen GPS-Koordinaten den Titel seiner Arbeit bilden, steht paradigmatisch für die globale Tourismusindustrie, für die Vermarktung der Tiroler Alpen und deren lukrativen saisonalen Skizirkus mit entsprechenden Gäste- und Übernachtungszahlen. Als ein Zentrum des Wintersports auf Schnee angewiesen, befinden sich die Stadt und das sie umgebende Gebiet in der Logik dieser Ökonomie in einem gnadenlosen Kampf mit der Klimaerwärmung, zu dessen Austragungsort die Berglandschaft wird. In jenen Bergen, die in Alfons Waldes populären Winterbildern aus den 1930er-Jahren von üppigen, in der Sonne leuchtenden Schneedecken überzogen sind, wurden in den vergangenen Jahren zehn Speicherseen und -teiche zur technischen Schneeerzeugung angelegt, was gravierende sichtbare wie auch unter der Erde verborgene Eingriffe in Landschaft und Ökosystem bedeutete. Kaligofsky hat diese Seen – einen davon noch als Baustelle – mit sachlich präzisem Kameraauge festgehalten und nachträglich mittels Photoshop sämtliche Ortshinweise wie geografische Angaben oder touristische Logos und Schriftzüge entfernt; als Bildtitel setzte er auch hier an Stelle der Namen der Seen ihre jeweiligen GPS-Koordinaten sowie Angaben zu den Volumen dieser Wasserreservoirs. Ein zusätzliches Foto zeigt „Snowfarming“, einen haldenartigen Hügel, unter dessen blendend weißer Plastikplane Altschnee konserviert wird. Auf den im Herbst entstandenen Fotos ist ausnahmslos kein einziges lebendes Wesen zu sehen, was den technischen Charakter dieser fabrizierten Topografien trotz mancher eher bemüht erscheinender Renaturierungsmaßnahmen noch stärker spürbar macht.

In die Serie der Speicherseen interpoliert Kaligofsky zusätzliche Sujets: In einem Salzburger Tourismusbüro fotografierte er auf einem der dortigen Bildschirme zwei für Kindermode posierende Kinder, eine Online-Werbung einer brasilianischen Firma, die ihre Produkte unter der Marke „Tyrol“ verkauft; als gleichsam abstrakte Gegenfigur dient ihm die Aufnahme eines Bildschirms in einem Salzburger Hotel, auf dem die von Rastern überzogene Benutzeroberfläche einer Software zu sehen ist, die die Vermietung eines Zimmers beziehungsweise die Reservierung eines Restauranttischs anzeigt. Als viertes Thema – nicht zuletzt als Referenz auf die globalisierten Codes von Alltagskleidung und Kameraposen – fügt Kaligofsky eine von ihm initiierte und unter seiner Anleitung von einem jungen irakischen Flüchtling namens Raad al Abbas foto- grafierte Porträtserie ein, die Bewohnerinnen und Bewohner und Betreuerinnen und Betreuer einer Flüchtlings unterkunft, eines ehemaligen Hotels am Schwarzsee bei Kitzbühel, zeigt, wobei jeweils die Namen der Abgebildeten und die Ländercodes ihrer Herkunftsländer die Titel für die Porträts bilden.

Zu Recht verknüpft Kaligofsky seine Ansichten der transformierten Berglandschaft von Kitzbühel mit den satellitengestützten Informations- und internetbasierten Kommuni- kationstechnologien, stellen diese doch gewissermaßen die „Betriebssysteme“ der Globalisierung – auch der globalen Fluchtbewegungen – dar. Seine Fotos dieser geschundenen Tiroler Landschaft1)So beanspruchte zum Beispiel allein die Anlage des Speichersees Seidlalm II fast drei Hektar an Rodungsfläche. Vgl. Auszug aus dem Wasserinformationssystem des Landes Tirol, online: https://portal.tirol.gv.at/wisSrvPublic/wis/wbo_wb_auszug.aspx?TYPE=T&ANL_ID=T20561973R3. sind zudem markante Gegenbilder zu den mit Kühen oder Schafen anekdotisch behübschten und als „idyllische Bergseen“ angekündigten Darstellungen der Speicherseen in der Tourismuswerbung.2)So etwa auf der Website der Kitzbüheler Alpen Marketing GmbH ,vgl. www.kitzbueheler-alpen.com/de/kirchberg/sommer/bergseen.html. In manchen von Kaligofskys Aufnahmen wirken diese Seen wie das starre, wimpernlose Auge eines Zyklopen, der jedoch nicht mehr wie im Mythos der gewalttätige Repräsentant der bedrohlichen Kräfte der Natur ist, sondern hier selbst endgültig auf der Strecke geblieben ist.3)Der Zyklop in Odilon Redons gleichnamigen, circa 1914 entstandenen Gemälde, der seinen begehrlichen Blick auf die schlafende „Bergnymphe“ wirft, erscheint vor diesem Hintergrund wie eine Allegorie auf das, was dieser gebirgigen Landschaft noch bevorsteht / damals erst noch bevorstand. Vgl. http://krollermuller.nl/en/odilon-redon-the-cyclops-1.

References   [ + ]

Silvia Eiblmayr ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie lebt und arbeitet in Wien.