Maren Lübbke-Tidow

Eine nicht hinnehmbare Situation

„Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.“1)Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984, S.152. Es ist dieser Begriff der Kontingenz, wie ihn der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann in Soziale Systeme beschrieben hat, der mir als erstes einfällt, wenn ich Seiichi Furuyas neue Arbeit zu seinem ältesten Thema – das Thema der (österreichischen) Staatsgrenze – betrachte. Seit den frühen 1980er-Jahren beschäftigt er sich immer wieder mit dem Thema Grenze. Seit dieser Zeit hat er sowohl seine ersten wie auch die folgenden Bilder immer wieder einer Revision unterzogen, sie (auch bildnerisch) aktualisiert und mit neuen schriftlichen Kommentaren versehen – entsprechend der jeweils veränderten Situation, die Prozessen historisch-politischen Wandels geschuldet ist.

Erst vor zwei Jahren – 2014 – hatte sich Seiichi Furuya entschlossen, seine (früheste) Arbeit zum Thema Staatsgrenze in Buchform zu bringen2)Vgl. Seiichi Furuya, Staatsgrenze, 1981–1983, Leipzig: Spector Books 2014. , freilich nicht ohne erneut die offenen Enden, die das Projekt von Beginn an begleiteten, zu thematisieren. Dass aber die europäische Nachkriegsordnung derart brüchig ist und der europäische Einigungs- prozess, wie er 1989 mit dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich wurde, heute so sehr infrage gestellt ist wie angesichts der aktuellen politischen Situation, war bei Erscheinen des Buches vor zwei Jahren noch nicht absehbar.

Vielleicht liegt hierin der Grund, warum Furuya in dieser neuen Arbeit einen konzeptio- nell-nüchternen Zugang hinter sich lässt und kaleidoskopartig arbeitet. Seine Bilder zeigen zum einen Aufnahmen des österreichisch-slowenischen Grenzpostens Spielfeld und des dort 2015 errichteten Grenzzauns – eines Zauns, der nicht einmal während des Kalten Krieges für notwendig erachtet wurde, um das Land Österreich vom damaligen Jugoslawien abzuschotten, und der somit ein für diesen Landstrich neues Phänomen darstellt. Zum anderen zeigt Furuya Bürgerkriegsflüchtlinge auf der österreichischen Seite der Grenze – Menschen also, denen es noch gelungen ist, über die Balkanroute und den Grenzort Spielfeld nach Österreich einzureisen (ein Grenzübertritt, der aufgrund der neuen Kontrollinstanzen mittlerweile kaum mehr genutzt wird). Ergänzt werden diese dokumentarischen Bilder mit Fotografien von Spielzeug, das der Künstler in seinem Garten arrangiert hat, zum Beispiel einen Miniatur-Lkw, ein aufblasbares Flugzeug, Plastikfiguren in einem Boot auf und im Wasser. Was hier szenisch nachgestellt wird, erinnert an aktuelle Ereignisse und deren Medienbilder, die die persönlichen Schicksale jener gänzlich unfreien Menschen thematisieren, deren Flucht mit dem nicht hinnehm- baren Tod endete – und die Auslöser gegenwärtiger politischer Ränkespiele waren und sind. Dass Furuya hier gerade nicht mit (etwa gefundenem) dokumentarischen Material arbeitet, sondern Szenen nachstellt, verstehe ich genauso als Hinweis auf den persön- lichen Ekel des Ausländers Seiichi Furuya in Österreich wie sein Arbeiten mit eben jenen (zum Teil widerwärtigen) Schlagworten, die die abgründige politische Diskussion um und mediale Repräsentation von Geflüchteten derzeit beherrschen. Diese Schlag- worte sind den Fotografien beigestellt. Und so gerät der hier zu lesende Wikipedia- Eintrag zum Stichwort „Spielfeld“ nicht nur zum bitteren Kern der Arbeit, sondern wird auch zum beißender Kommentar zu den fragwürdigen politischen Entscheidungs- findungsprozessen und populistischen Legitimierungsstrategien in Hinblick auf die sogenannte Flüchtlingsfrage. Durch diese wurde nicht nur das bis dahin Undenkbare möglich, erneut einen Grenzzaun zu errichten, um so den Zuzug (einer lächerlichen Zahl) von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten weitgehend zu unterbinden, sondern auch das europäische Einigungsprojekt grundlegend gefährdet.

Diese neueren antieuropäischen Hegemoniebestrebungen, die mit dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl greifbar werden und die sich angesichts rechtspopulistischer und rechtsnationaler Tendenzen in Österreich wie in ganz Europa weiter zu verfestigen drohen, zeigen, dass der Status der Staatsgrenze nicht nur nach wie vor fragil und unsicher ist, sondern womöglich auch schon bald zementierter Ausdruck eines rückwärts- gewandten Europas.

Das Thema der Staatsgrenze kommt nicht an sein Ende, es bleibt unberechenbar – und kontingent. Das zeigt diese neue (Auftrags-)Arbeit von Seiichi Furuya. Und interessanterweise hat die Fotografie, so wie Furuya sie hier einsetzt, weniger die Aufgabe zu dokumentieren, sondern funktioniert vielmehr als ein Mittel, um Fragen an die Zukunft zu formulieren. Wie die Antworten ausfallen, hat allerdings nur wenig mit unseren Erwartungshaltungen zu tun – denn spätestens jetzt wissen wir: Es kann immer alles auch ganz anders kommen.

References   [ + ]

Maren Lübbke-Tidow, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.