Bilder von Menschen am Arbeitsplatz zwischen Individualität und Schichtarbeit. Industriebetriebe Vorarlbergs 2016

Rudolf Sagmeister

Aufgewachsen im Fabrikshof eines kleinen lebensmittelverarbeitenden Familienbetriebs lernte ich die sich rasant verändernden Arbeitsbedingungen durch die Automatisierung der Produktion aus erster Hand kennen. In den Ferien arbeitete ich im elterlichen Betrieb mit, am Fließband in der Produktion, in der Spedition, im Lager, später nach Absolvierung des Lkw-Führerscheins auch als Auslieferer.

Mein Interesse an der Arbeitswelt fand während meines Studiums der Kunstgeschichte durch die Wahl der Nebenfächer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Psychologie seine Fortsetzung. So war die Veränderung der Lebensmittelproduktion durch die Industrialisierung Thema meiner Abschlussarbeit in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Es folgte die Mitarbeit an mehreren Konzepten für ein Industriemuseum im Auftrag des Landes Vorarlberg.

Als Kurator für zeitgenössische Kunst des Kunsthaus Bregenz zählt die Entwicklung und Produktion neuer Kunstwerke gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern sowie lokalen und internationalen Industrie- und Handwerksbetrieben seit rund 20 Jahren zu meinen Hauptaufgaben. So entstand ein enges Netzwerk mit Betrieben aller Sparten wie Glas, Holz, Kunststoff, Textil, Farben, Chemie und so weiter.

Licht spielt im Ausstellungsbetrieb eine entscheidende Rolle. Mit der Firma Zumtobel haben wir in Vorarlberg einen Global Player, der die besonderen Ideen der Künstlerinnen und Künstler realisieren kann und von Beginn an Partner und Unterstützer des Kunsthaus Bregenz ist. Für die Umsetzung der Vorstellungen der Künstlerinnen und Künstler bedarf es oft vollkommen neuer, bisher noch nicht ausgeführter Produkte und Fertigungstechniken, sodass die Besuche mit den Künstlerinnen und Künstlern in den Industriebetrieben für alle Beteiligten äußerst fruchtbar sind. Viele der seither realisierten Projekte konnten nur durch Kooperationen mit Lehrlingen und Ausbildungsabteilungen finanziell und arbeitstechnisch gestemmt werden.

Die Aufnahmen in den Industriebetrieben entstanden nach Rücksprache mit der Firmen- leitung, dem Betriebsrat und nach der schriftlichen Zustimmung jedes am Arbeitsplatz fotografierten Arbeitnehmers. In die Auswahl kamen typische Betriebe der Lebens- mittelbranche, der Metall-, Leuchten- und Textilindustrie.

Die Arbeitsplätze in der Industrie der sogenannten Hochlohnländer können nur erhalten werden durch ständige Innovation, bestens ausgebildete und motivierte Arbeiterinnen und Arbeiter durch kontinuierliche Fortbildung und engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer. Für Produktivität und Effizienz sorgen weitestgehend automatisierte, computergesteuerte Arbeitsplätze, kontinuierliche Schichtarbeit und die 24-stündige Auslastung der teuren Maschinen und der Werkshallen. Schwere körperliche Arbeit wurde durch Maschinen ersetzt, Pausen oder Leerlauf werden durch perfekte Logistik vermieden. An den sauberen, hell erleuchteten und klimatisierten Arbeitsplätzen herrscht höchste Konzentration. Schmutzige, gesundheitsschädigende und gefährliche Tätigkeiten sowie Arbeitstage von zehn oder mehr Stunden wurden und werden in Entwicklungsländer verlagert. Dort leben und arbeiten heute hunderte Millionen Menschen wie in der sogenannten Ersten Welt im 19. Jahrhundert unter prekären Bedingungen, zusammengepfercht in Arbeiterbaracken und baufälligen, billigst errichteten Fabriken. Wanderarbeiterinnen und -arbeiter verlassen aus Armut ihre Dörfer und Länder, um sich als billige Arbeitskräfte global zu verdingen.

Auch Vorarlberg konnte über Jahrhunderte seine Bevölkerung nicht allein durch die Landwirtschaft ernähren. Männer, Frauen und Kinder begaben sich auf lange Reisen, um ihr Überleben im Ausland zu sichern, dort Brot und Arbeit zu finden und um Geld an ihre Lieben in der Heimat senden zu können.

Produktivität und Effizienz wurden in den letzten Jahrzehnten durch Automatisierung, den Einsatz von Robotern, Neubauten und so weiter kontinuierlich gesteigert, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. In allen besuchten Betrieben wird rund um die Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet, damit Produktionsmittel, eingesetztes Kapital, Energie und Arbeitskraft bestmöglich verwertet werden. Pausenräume sind weitgehend verschwunden, Kantinen durch Automaten gesteuert oder ersetzt. Individuell gestaltete, „persönliche“ Arbeitsplätze existieren nicht mehr, da jeder Arbeitsplatz von verschiedenen Personen eingenommen wird und somit private Gegen- stände hier keinen Platz mehr haben. In den lebensmittelverarbeitenden Betrieben müssen zudem Haare und Bart unter Netzen verborgen und jeglicher Schmuck aus Hygienegründen abgelegt werden. Individualität findet im weit verbreiteten Körper- schmuck des Tattoos ein Ausdrucksmittel und Ventil.

Die Globalisierung zeigt sich in der Internationalität der Arbeitnehmerinnen und Arbeit- nehmer, die aus ganz Europa, Afrika und Asien in der Vorarlberger Industrie tätig sind.

Das familiengeführte Unternehmen Julius Blum GmbH produziert in Vorarlberg mit 5.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in sieben Werken Möbelbeschläge, die international vertrieben werden. Weitere Produktionsstandorte befinden sich in Polen, Brasilien und den USA, zudem gibt es 28 Tochtergesellschaften beziehungsweise Repräsentanzen weltweit.

Wolford AG stellt seit 1949 Textilien im obersten Preissegment mit Schwerpunkt auf Strumpfhosen, Bodys und Wäsche am Standort Bregenz her. International beschäftigt das Unternehmen rund 1.120, in Vorarlberg rund 680 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Die Zumtobel Lighting GmbH mit Hauptsitz in Dornbirn beschäftigt sich mit Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Lichttechnik. Das Unternehmen bietet Lichtlösungen, Leuchten, Lichtmanagement und Lichtkomponenten für Anwendungen im Innen- und Außenbereich an. Zumtobel ist der europäische Marktführer im Bereich professioneller Beleuchtungssysteme und europaweit die Nummer zwei im Bereich der Lichtkomponenten. Der Konzern besitzt Produktionsstätten in Europa, Asien, Nordamerika und Australien sowie Vertriebs- und Partnergesellschaften in über 70 Ländern. Er beschäftigt an die 7.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 2.100 in Vorarlberg.

Das 1938 in Dornbirn gegründete Familienunternehmen Rudolf Ölz Meisterbäcker GmbH und Co KG ist Marktführer in Österreich. Der Exportanteil liegt mittlerweile bereits bei 47,7 Prozent. Das Unternehmen beschäftigt rund 920 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon in Vorarlberg rund 553.

Das 1908 gegründete familiengeführte Unternehmen Rupp AG ist Österreichs größer privater Käseverarbeiter. Rupp und Alma sind bekannte Marken, mit Cheese Inovation werden Produkte im Convenience-Bereich und für die Lebensmittelindustrie hergestellt, 90 Prozent der Produktion werden exportiert. Die Rupp AG beschäftigt in Vorarlberg am Standort Hörbranz rund 400, insgesamt rund 570 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Rudolf Sagmeister ist Kurator am Kunsthaus Bregenz und fotografiert seit den 1980er-Jahren.