Walter Moser

Im Tal

Alltägliche Lebensrealitäten und soziale Milieus sind zentrale Themen von Paul Kranzlers Fotografien. Kranzler hält ihm vertraute Personen in ihrem räumlichen Umfeld fest, wie beispielsweise seine Wohnungsnachbarn in der Arbeit Land of Milk and Honey (2005) oder einen Jugendlichen und dessen Familie in Tom (2007). In der auf diese Projekte folgenden Serie Brut (2010) widmete sich der Künstler seiner eigenen Verwandtschaft, den Eltern, Großeltern, Tanten und Geschwistern. Im Tal entwickelt Brut thematisch und formal weiter, legt Kranzler hier den Fokus doch noch enger und fotografiert seine eigene Kleinfamilie in ihrem Wohn- und Lebensumfeld außerhalb von Linz. Die Partnerin und die Kinder werden vorwiegend in dem für Kranzler typischen Mittelformat festge- halten. Wie in den bereits genannten vorangegangenen Arbeiten kombiniert er auch in dieser Werkgruppe Porträts mit stilllebenartigen Details von Wohninterieurs und Landschaftsansichten, um das Lebensumfeld zu visualisieren. Diente die Darstellung des räumlichen Kontextes in Land of Milk and Honey und Tom in sozialdokumentari- scher Manier der Charakterisierung der Lebensbedingungen der Protagonistinnen und Protagonisten, suggeriert sie hier das persönliche Erleben des eigenen Zuhauses und der Familie. Zwar wird das Milieu durch Architekturfotos des Wohnhauses oder Aufnahmen der Siedlung eingefangen, doch wird dieses zumeist äußerst subjektiv wiedergegeben. Nicht nur fotografiert Kranzler beiläufige Motive wie einen Haarzopf, ein beleuchtetes Kinderzelt und eine Ecke des Gartens, auch verfremdet er einzelne Motive, etwa indem er während einer Langzeitbelichtung mit einem Feuerzeug Funken erzeugt, die im Bild als abstrakte Farbflecke wiedergegeben werden. Der Künstler geht darüber hinaus häufig sehr nah an seine Motive heran. Aufgrund des engen Bildaus- schnitts werden Personen und Gegenstände oft nur als visuelles Fragment festgehalten. Die Frage, ob diese den Ausschnitt betonende Sichtweise auf einer Auseinander- setzung mit den technischen Bedingungen der Kamera und dem medienimmanenten Dokumentarismus der Fotografie basiert, sei hier nur angedeutet. Durch dieses formale Mittel schreibt sich der Künstler jedenfalls selbst in die Bilder ein beziehungsweise ver- leiht er einer spezifisch subjektiven Sehweise Ausdruck, die eher persönliche Eindrücke und Stimmungen visualisiert denn die eigene Lebenswirklichkeit faktisch wiedergibt. Dieser Zugang wird durch die mosaikartige Abfolge der Bilder noch zugespitzt. Professionell komponierte Fotos und Schnappschüsse wechseln sich ab und evozieren weniger eine kausal-narrative als vielmehr eine assoziative Lektüre. Setzte Kranzler in Land of Milk and Honey ähnlich wie Manfred Willmann in seinem Klassiker Das Land (1981–93) einen hellen Kamerablitz ein, ist hier das Licht aufgrund von Langzeitbelichtung und indirekter Beleuchtung subtiler. Dadurch kennzeichnet Im Tal ein poetischer Grundton, der nach Aussage des Künstler nicht zuletzt in dem Umstand begründet ist, dass er hier seine eigene Familie fotografiert. Obwohl die Arbeit als autobiografische Selbstbeobachtung gelesen werden kann, liegt ihr Reiz gerade darin, dass Kranzler über eine rein subjektive Perspektive hinausgehend Orte und Stimmungen wiedergibt, die wohl vielen Betrachterinnen und Betrachtern vertraut sind: Wohnhaus und -gegend sind prototypisch für unspektakuläre Vorstädte in österreichischen Ballungsräumen, das mit hellrosa Fliesen ausgestattete Badezimmer ist charakteristisch für Interieurs aus den 1980er-Jahren. Im Tal changiert so nicht nur zwischen Fotoessay und erweitertem (Familien-)porträt, sondern in inhaltlicher Hinsicht auch zwischen charakteristischem Österreichbild und privater Introspektion.

Walter Moser ist Fotohistoriker. Er studierte Kunstgeschichte in Wien und Rom und ist seit 2011 Leiter der Fotosammlung der Albertina in Wien. Publikationen und Ausstellungen zur Geschichte der Fotografie, zuletzt „Film-Stills. Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino“.