Monika Faber

„Da schau her, was der macht!“

Die Besorgtheit über den medialen Auftritt ist im politischen Umfeld heute fest verankert. Zu Recht natürlich: Die Kontrolle darüber, wie Fotografien verbreitet werden, mit welchen Kommentaren versehen sie in ein fast unbegrenzt erscheinendes Netzwerk von Medien eingespeist werden, lässt sich nur in totalitären Regimen durchsetzen. Selbst im harmlosen Österreich herrscht Nervosität, gerne fühlt man sich falsch ver- standen, schlecht behandelt „von den Medien“. Daher darf man von der Presseloge im Parlament aus nicht alles fotografieren: Wer Abgeordneten über die Schulter schaut, die während der Sitzungen auf ihrem Laptop Karten spielen oder im Netz auf Einkaufs- tour gehen, wird verwiesen – zu Recht natürlich: Die Unlust der Bevölkerung über ihre Vertretung im Hohen Haus ist schon groß genug, man sollte sie nicht noch weiter schüren …

Daher muss klargestellt werden, dass Nora Schoeller bei allen von ihr dokumentierten Versammlungen im Einverständnis mit den jeweiligen Verantwortlichen fotografierte. Sie waren es, die Ort und Zeitraum ihrer Anwesenheit bestimmten, selbst wenn es sich um geplante Zusammenkünfte im öffentlichen Raum handelte. Und genau hier, im überschaubaren Raum, ist ja alles unter Kontrolle: Der Redner adressiert sein Publikum, die Moderatorin spricht ins Mikrofon, eine Tischrunde diskutiert bis tief in die Nacht, der strahlende Sieger hat seinen Auftritt, der Wahlleiter verwaltet die Urne: „Herzlich Willkommen“ … Die Orte wechseln und die knappen Bildtitel verraten uns, dass wir mit unseren Vorurteilen richtig lagen: Im Parlament tagen die historischen Großparteien in strengen Sitzreihen, am Yppenmarkt diskutiert der „Aufbruch“, in Niederösterreich trägt man noch Tracht, die Bezirkssektion der Sozialdemokraten ist mit roten Polster- möbeln eingerichtet. Die jeweils verhandelten Anliegen allerdings erschließen sich visuell kaum.

Können sich Überzeugungen im Bild nur dann manifestieren, wenn Menschen auf die Straße gehen und damit die Kontrolle über ihr fotografisches Konterfei verlieren? Die Nebelwerferinnen am Ersten Mai hat Schoeller wohl nicht zufällig als Auftakt für ihre Bildstrecke gewählt. Die stets präsenten Sprüche bei den Demonstrationen – ob auf T-Shirts, Transparenten, kleinen Zetteln oder riesigen Wandtexten – schreien ihre Botschaften heraus. Unmissverständlich, denken sich die Begeisterten wahrscheinlich, doch unbefangene BildbetrachterInnen und -betrachter (gibt es so etwas denn überhaupt?) müssen sich wohl fragen, was „Nazis flambieren“ bedeuten soll, oder warum das rot-weiß-rote Band mit der blauen Aufschrift „Aus Liebe zur Heimat“ bevorzugt vors Gesicht gehalten wird.

Schoeller hat allerdings – teils gezielt, teils unwillkürlich, wie sie sagt – den genau Schauenden auch im kontrollierten Gelände einiges Erhellendes zu bieten, hat Versammlungsräume zum Sprechen gebracht. Nicht alles scheint von den dort Tagenden tatsächlich bewusst bestimmt zu werden: Bruno Kreiskys Porträt oder das Kruzifix als im Hintergrund stets präsente Überfiguren wirken geplant, aber was macht der grüne Sesselrücken im roten Bezirkslokal? Und sollen wir aus dem ausschließlich weiblich- jugendlichen Personal im schwarzen Parlamentsklub auf die wahren Entscheidungsträger in der Partei schließen? „Da schau her, was der macht“ als kleines Plakat hinter den Vorsitzenden einer Runde wohl nur auf den ersten Blick gleichberechtigter Teilnehmer und Teilnehmerinnen muss uns als Aufruf dienen, genau hinzusehen und mit Ironie zu interpretieren, was uns in Bildern dargeboten wird – die Aufregung darüber, dass in dem von Schoeller dokumentierten politischen Umfeld in Österreich 2016 erstmals eine Bundespräsidentenwahl annulliert wurde, lässt sich mit allen Implikationen nicht fotografieren, sondern muss als Hintergrund aller Bilder stets mitgedacht werden.

Monika Faber, geboren 1954 in Wien, studierte Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Wien. Bis 1999 war sie Kuratorin im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, danach Chefkuratorin der Fotosammlung in der Albertina, Wien. Seit 2011 leitet sie das Photoinstitut Bonartes, Wien.