Walter Seidl

Manfred Willmann – Arbeit und Erinnerung

Arbeit und Erinnerung von Manfred Willmann fokussiert alltägliche Situationen aus dem persönlichen Umfeld des Künstlers und untersucht dabei das Erfordernis von Handfertigkeit im Arbeitsalltag sowie die Eingliederung der involvierten Personen in gesellschaftliche Wirklichkeiten. Bei den in der Steiermark entstandenen Aufnahmen handelt es sich um erweiterte Porträts, die das Aktionsfeld der Protagonisten und dessen Spezifika in ihrer Detailhaftigkeit und Bedeutung hervorheben. Sie zeigen so die Geschichte tradierter Arbeitsweisen auf, die zunehmend digitalen, maschinell gesteuerten Prozessen weichen und an öffentlicher Sichtbarkeit verlieren.

Willmann porträtiert die Arbeits- und Lebenswelt seines Schneiders, seines Automecha- nikers, des Uhrmachers und des gleichzeitigen Betreibers eines Kinos, einer Fleischerei und einer Gastwirtschaft sowie seinen Großvater als leidenschaftlichen Korbflechter. Obwohl nicht alle Personen direkt ins Blickfeld treten, sind alle porträtierten Berufe an Vorstellungen von Arbeit als Zeugnis handwerklicher Tätigkeit geknüpft, die von den Akteurinnen und Akteuren eine besondere Hingabe verlangt. Willmann erinnert damit an eine Generation, die einer Vielzahl solcher Aktivitäten nachging, die heute nur mehr wenige beherrschen. Kennzeichnend für Willmanns Arbeit ist der Blick auf identitäts- stiftende Details, die als Narrationskette den Gesetzen der Autorenfotografie folgen.

Willmanns Automechaniker etwa wird in dem für seine Berufsgruppe üblichen hetero- normativen Kontext mit Pin-up-Postern an den Wänden präsentiert, gleichzeitig aber werden seine künstlerischen Aspirationen hervorgehoben, die ihn aus Metallresten Skulpturen zur Verwendung als Aschenbecher fertigen lassen. Die minutiöse Tätigkeit des Schneiders dokumentieren die zahlreichen Abnäher und Detailnähte an einem Sakko, die notwendig sind, um eine genaue Konturiertheit und Passform zu erzielen. Gleichzeitig wird das seit 1958 unveränderte und penibel gepflegte Ambiente gezeigt, in dem dieser bis vor Kurzem seiner Tätigkeit nachging. Auch der Uhrmacher widmet sich der Feinmechanik der Zeitmesser mit großer Präzision.

Die Aufnahmen zahlreicher Körbe, die Willmanns Großvater anfertigte, werden einer Fotografie gegenübergestellt, die ein „historisches“ Bild des Künstlers in Form eines Kinderfotos zeigt. Neben diesem „Bild im Bild“ liegt ein aus Plastilin geformter Kopf – ein von Willmann als Schüler angefertigtes Porträt seines mittlerweile verstorbenen Großvaters –, dessen Abbildung an Stelle des Porträts des Protagonisten in den anderen Serien steht.

Die Fotografien dokumentieren eine Zeit als Moment der Erinnerung, da Arbeit die Identifikation mit einem Handwerk ermöglichte und industrielle Fertigungsprozesse noch nicht an der Tagesordnung waren. Willmann gelingt es, in dem von ihm porträtierten Personenkreis aus seinem eigenen Umfeld einer Lebenshaltung nachzuspüren, in der sich eine über Generationen tradierte Vorstellung von Arbeit im ländlichen wie urbanen Raum artikuliert.

Walter Seidl, geboren 1973 in Graz. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungsprojekte in Europa, den USA und in Japan und verfasste Beiträge für KünstlerInnenmonografien und internationale Zeitschriften, darunter Camera Austria, springerin und Život umjetnosti. Lebt als Kurator, Autor und Künstler in Wien.