Margit Zuckriegl

Urbane Lebenswelten

Stadtansichten jenseits von Fremdenverkehrsklischees und touristischen Sehenswürdig- keiten entwirft Leo Kandl in seiner fotografischen Arbeit seit den1970er-Jahren. Sein Interesse gilt den Szenerien des Alltags und den Schauplätzen des Banalen: Die Straßen- kreuzungen und Plätze vor Supermärkten, Parkhäusern und U-Bahn-Stationen sind Bühne und Prospekt für die Protagonistinnen und Protagonisten seiner Bilderzählungen. Es sind anonyme Passanten, Vorübergehende und Verweilende im öffentlichen Raum; sie kreieren ephemere Konstellationen des Zufalls, Choreografien des Unbeabsichtigten, ein stummes Ballett in den kargen Kulissen eines soziologischen Versuchsfelds.

Die Peripherien der Donaumetropole sind für Kandl nicht nur interessant und lebendig, sondern auch aufschlussreich für heutige urbane Lebenswelten und deren Problematiken; anders als die ästhetischen Konstrukte der Flaniermeilen und die Repräsentations- architekturen im Stadtzentrum erzählen die Ausfallstraßen mit ihren lang gestreckten Geschäftszeilen, den Reklameschriften aus den 1970er-Jahren, den Cafés und Wettbüros vom Gewordenen und Vergehenden. Der rüde Charme dieser Ensembles und die Bewegungsmuster der Akteure bilden das Narrativ dieser Bildrecherche:

Der städtische Raum ist soziale Reibungsfläche, Treffpunkt unterschiedlichster Ethnien und Bevölkerungsschichten, er ist Synonym für Mobilität und Migration – die Stadt als solche wird anschaulich als ein geteilter Raum, als Erzählung von unterschiedlichen Leben, von heterogenen Genealogien, von divergierenden Zukünften.

Floridsdorf, beispielsweise: Kandl spiegelt in den Bildern sein gewohntes Umfeld, seine Nachbarschaften und seine alltäglichen Wege. Die 1905 eingemeindeten und zu einem Verwaltungsbezirk zusammengefassten kleinen Ortschaften zeichnen sich durch zwei Charakteristika aus: durch ihre Lage am Stadtrand, ihr Gerichtetsein aus dem städtischen Gefüge heraus und in die flache, bis ins Böhmische reichende Landschaft hinein sowie durch die kleinen Plätze im Herzen der ehemaligen Dörfer. Entlang und mittendrin bewegt sich der Blick des Fotografen: horizontal verlaufend, parallel zu den lang gezogenen Sozialwohnbauten der 1930er- und 1960er-Jahre, andererseits verharrend, zentripetal in sich kreisend rund um eine U-Bahnstation, die Wartezone an der End- station, die Verkehrsinsel vor dem Shoppingcenter.

Kandls Straßenporträts gerieren sich nicht als Anklage gegen das Vergessen der Politik oder als Demonstration des Versagens menschenwürdiger Stadtplanung, seine Veduten sind Bilder einer heutigen urbanen Lebenswelt. Die Aufnahmen der Brünner Straße sind wie ruhige Kamerafahrten entlang einer städtischen Randzone im Mittagsschlaf, wo der Herzschlag der Großstadt langsam verebbt – Kandl porträtiert ein klandestines Stadtmodell, das sich nicht entscheiden kann zwischen der Orientierung an den Hauptverkehrsadern, dem Auskragen des Urbanen und einer dörflich-marktplatzartigen Ponderiertheit.

Der zentrale Platz wurde nach dem 1899 in Floridsdorf geborenen späteren Bundes- präsidenten Franz Jonas benannt. Hier, vor dem Eingang zu den Regionalzügen und zur S- und U-Bahn, entstand in den 1960er-Jahren umringt von Straßen, Parkplätzen, Straßenbahngleisen und Gehsteigen eine Betonfläche mit Geschäften, Standeln und Cafés, auf der sich permanent Fußgängerinnen und Zuschauer, Durcheilende und Verweilende, Straßenhändlerinnen und Pendler tummeln. Kandl dokumentiert dieses Theater der wechselnden Auftritte und Abgänge. In seinen Fotografien geht es um die Strukturen, die diese dauernden Bewegungsmuster hinterlassen, und um die Räume und Zwischenräume, die die Darsteller in der Kulisse des Platzes stets neu formulieren und definieren.

Margit Zuckriegl, geboren 1955 in Salzburg, studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Salzburg und Rom und promovierte 1983. Sie lebt in Salzburg.