Christiane Kuhlmann

Kurt Kaindl: Orte der Erinnerung

Wir alle haben noch die Bilder im Kopf, die im Sommer 2015 um die Welt gingen: Flüchtlingsströme auf den Straßen Europas, übervolle Züge, mit denen die Menschen versuchten, die Orte des Krieges und der Gewalt hinter sich zu lassen. Bilder, die jede nur denkbare Reaktion hervorriefen, die zwischen die Begriffe „Willkommenskultur“ und „Obergrenze“ passte. Seit der Abschottung Europas durch das Schließen der sogenannten Balkanroute sind diese Bilder Vergangenheit. Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl, denn faktisch sind solche Bilder – und Ereignisse – ja dadurch lediglich ausgeblendet.

Nicht zum ersten Mal machte sich Kurt Kaindl mit seiner Kamera auf den Weg, um an Orte von geschichtlicher Bedeutung zu fahren. 2002 fotografierte er Die unbekannten Europäer. 2006 fuhr er von Lübeck nach Triest, durch das Niemandsland entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Diesmal blieb er in Österreich und fotografierte jene Orte, die im Sommer 2015 für Schlagzeilen sorgten: Die schnurgerade „Fluchtstraße“ nach Andau an der Grenze zu Ungarn, die schon seit dem Aufstand 1956 diesen Namen trägt; die Stelle an der A4 bei Parndorf, wo man im August 2015 einen Lkw entdeckte, in dem Flüchtlinge erstickt waren; den Wiener Westbahnhof sowie Unterkünfte, Erstauf- nahmelager und Offspaces, an denen Menschen Initiativen für und mit Flüchtlingen entwickelt haben.

Ein Jahr danach zeigen die Bilder nichts mehr von der Hektik, nichts mehr von den Anstrengungen der Ankommenden und deren Helfern. Es sind überlegte Arbeiten,
die den Eindruck erwecken, als würde Kaindl auf das Echo der Ereignisse lauschen.
Als suche er nach Spuren, die sich in die Orte eingeschrieben haben, aber schon bald nicht mehr lesbar sein werden. Diese Ortsansichten verbindet der Fotograf mit Porträts von Helfern, Initiatoren oder Menschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Obwohl Kaindl konkrete Personen vor die Kamera gebeten hat, stehen diese stellvertretend für die vielen, die die Ankunft der Flüchtlinge in Österreich menschlicher gemacht haben. Dadurch hat der Fotograf seine Bilder mit einer doppelten Struktur unterlegt. Er blickt zurück auf die Plätze im Land, die man in der Geschichtswissenschaft Orte der Erinnerung nennt. Und er aktualisiert diese Orte durch subjektive Blickrichtungen und situative Porträts. Manchen Abgebildeten sieht man an, dass sie sich mit dem Fotografen unter- halten, andere scheinen nur für einen kurzen Augenblick anzuhalten, wie Nicolai in Traiskirchen oder Beba in Leibnitz. Im Bild gibt es für Kaindl kein hartes Schwarz und Weiß. Er setzt auf Zwischentöne und zeichnet mit der Kamera Situationen nach, die als Ergänzungen zum Bildgedächtnis des Sommers 2015 zu verstehen sind. Kaindl steht mit dieser Sichtweise in einer Bildtradition, die seit der bahnbrechenden Ausstellung „New Documents“ 1967 im New Yorker Museum of Modern Art von John Szarkowski als jene Fotografie definiert wird, die in der Dokumentation eine persönliche Haltung widerspiegelt.

Christiane Kuhlmann, geboren 1967 in Essen, ist promovierte Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Sie leitet die Sammlung Fotografie und Medienkunst am Museum der Moderne Salzburg.