Verena Kaspar-Eisert

Jan Schiefermair: Home Sweet Hole

Zwei junge Männer sitzen, liegen auf einer Straße, einer ein Bier in der Hand, es ist dunkel, wohl spät in der Nacht. Eine dritte Person ist da, von der nur die Beine von unten rechts ins Bild hineinragen, und ein Skateboard liegt da – upside down. Irgendwie ist die Nacht schon vorbei, aber nach Hause gehen ist keine Option. Vermutlich ist gehen gerade auch eher schwierig. Und wer will schon weg?

Der junge Wiener Fotograf Jan Schiefermair gewährt Einblick in sein soziales Umfeld, zeigt seinen Freundeskreis, seine Familie, seinen Lebensraum, sich selbst. Mit der Serie homesweethole gelingt Schiefermair ein Szeneporträt aus sehr persönlicher Sicht. Damit reiht er sich in eine fotografische Tradition ein, die Protagonistinnen und Protagonisten wie Larry Clark oder Nan Goldin geprägt haben. Er gehört dazu, ist Teil einer Wiener Subkultur, die sich aus einem großen Freundeskreis bildet, in dem das Skateboardfahren – früher mehr, heute weniger – eine wichtige Rolle einnimmt. Schiefermairs Blick (er fotografiert analog, sowohl in Schwarz-Weiß als auch in Farbe) zeugt von großer Empathie. Es sind Leute um die Dreißig, die seit vielen Jahren zusammen feiern, trinken, Drogen nehmen, skaten, leben – gemeinsam Konventionen trotzen. Skateboardfahren definiert sich hier auch als Ideologie, es geht darum, vorgegebene Strukturen (wie beispielsweise die urbane Architektur) für sich neu zu definieren, sich nicht unterzuordnen. Angst und Schmerz sind keine Kategorien. Hindernisse werden Möglichkeiten zum Abheben. Es geht um Freiheit.

Einen temporären Skatepark haben ein paar Freunde im Do-it-yourself-Verfahren auf einer stillgelegten Autobahnauffahrt (natürlich ohne Genehmigung) innerhalb weniger Wochen im Schichtbetrieb gebaut. Eine Zusammenstellung von Schwarz-Weiß- Fotografien, mit denen Schiefermair das Projekt dokumentiert, vermittelt in ihrer ästhetischen Unbefangenheit den Geist dieses kollektiven Unterfangens.

Die vorliegende Bilderstrecke, die Schiefermair im Laufe des Jahres 2016 fotografiert hat, erzählt aber neben den Geschichten von Partys und Abenteuern vor allem auch von Vertrauen, von Gemeinschaft und von Liebe. Ganz bewusst bringt der Fotograf Bilder wie etwa das eines berauschten Freundes, der mit nacktem Oberkörper am Boden liegt, die Arme weit von sich gestreckt (der gefallene Engel) in ein Diptychon mit der Fotografie eines Paares, das mit seinem Kleinkind in der Wiese liegt und fast kitschig das junge Familienglück demonstriert. Diesem scheinbaren Gegensatz will Schiefermair mit homesweethole entgegenwirken und die Bandbreite und Vielfalt seiner Lebensrealität abbilden. Die antihierarchische Grundhaltung innerhalb dieser Gemein- schaft zeigt sich auch in der Akzeptanz sich verändernder Lebensrealitäten innerhalb der Gruppe – und das ist Freiheit.

Verena Kaspar-Eisert, geboren 1981, studierte Kunstgeschichte in Wien. Seit 2014 ist sie Kuratorin im Kunsthaus Wien