Gerald Matt

Paul Albert Leitners Reise nach Tirol oder Tyrol: Reality Check oder Über die Ferne der Nähe

Baudrillard sieht das Wunder der Fotografie radikal darin, dass sie eine nicht objektive Welt enthüllt1)Das Wunder des Photos, dieses sogenannt ‚objektiven Bildes‘, besteht darin, daß sich die Welt durch es als vollkommen nicht-objektiv erweist.“ Jean Baudrillard, Der unmögliche Tausch, Berlin: Merve 2000, S. 189. – eine Annahme, die Paul Albert Leitners fotografische Haltung wesent- lich charakterisiert. Seine Weltsichten sind nur scheinbar realistisch, dokumentarisch, sein Blick geht tiefer, den Dingen auf den Grund, kennt keinen Gegensatz zwischen analytisch und poetisch, real und surreal, ist dem auf der Spur, was hinter dem Sicht- baren liegt, ist ironisch, melancholisch, fröhlich und tragisch, erzählerisch und lakonisch, witzig und traurig, überraschend und bisweilen banal, wie das Leben selbst.

Und so gibt es für mich auch keinen Gegensatz zwischen Collagen, in denen er Fund- stücke zu einer neuen, zu seiner Wirklichkeit anhäuft, und jenen Bildern einzelner Objekte, Gegenständen des Alltags, die, wie in seinen Tirolbildern, einen klobigen Holzstuhl zur Ikone des Alpenländischen machen. Denn letztlich entstehen Leitners Bilder im Kopf, bevor sie wirklich werden. Und wenn Leitner nun eine fotografische Reise nach Tirol angetreten hat, scheint er sich gleichsam die Heimat wieder „einzutreiben“.

Unter seinem Blick wird uns das Nahe fremd und das Vertraute fern, was real erscheint unwirklich und was irreal anmutet verwandelt sich in Wirklichkeit. Er stellt uns „seine Tiroler Welt“ in ihrer für ihn absurden Beschaffenheit vor, faszinierende Bilder eines umfassenden leitnerschen Theatrum Mundi. Da ist das Bild einer verblichenen, schäbig gewordenen Grenzmarkierung der einst mythologisch aufgeladenen und (aktuell erneut) politisch brisanten Brennergrenze, da sind absurde, das Land durchziehende Zäune, die das Private von einer als gefährlich wahrgenommenen und fremd gewordenen Welt abschotten; da sind Leitners Blicke aus Hotelräumen auf eine Landschaft, die ihr eigenes Klischee zu übertreffen scheint; da sind vor sich hin rostende US-Straßenschlitten, die vom Ende des amerikanischen Traums künden – alles Spiegelbilder seiner obsessiven und surrealen Weltsicht, visuelle Skizzen, Fragmente, Imaginationen aus dem Reise- tagebuch eines besessenen Bildermachers, mit denen er den Verwandlungen der Welt und seiner selbst auf der Spur ist. Besser kann man die Ironie und den Wahnsinn des Alltags nicht darstellen.

Wenn er zwei Muslime, eine Frau mit Kopftuch und einen Mann mit Kinderwagen, vor der Kirche in Telfs präsentiert, wirkt das wie eine Paraphrase bekannter Tirolmotive von Alfons Walde. Auf den ersten Blick wähnen wir uns in einem bosnischen Dorf. In einer Frühstückspension in Galtür interessiert er sich für einen auf dem Tisch stehenden Zuckerstreuer. Hier werden Bezüge Leitners zu amerikanischen Fotografen wie William Eggleston oder Stephen Shore deutlich. Im Seefelder Hotel Berghof, einer Landmark alpiner Bauhausarchitektur, scheint der Blick des Reisenden auf dem edlen Interieur zu ruhen, bevor er sich nochmals durch das Panoramafenster der Welt draußen zuwendet, kein Blick zurück im Zorn, vielmehr voller Empathie. Die Tiroler Bilder fügen sich in ein Gesamtwerk von unglaublicher und ständig wachsender Vielfalt. So überbordend und unüberschaubar es auch inzwischen sein mag, von einer Fülle, der Leitner durch Systematisierungen, Gruppierungen und Themen vergeblich Herr zu werden sucht, so sehr ist seine Arbeit gleichwohl getragen von einer konsequenten künstlerischen Haltung, einer Arbeits- und Denkweise, die er selbst in mehreren Sätzen formuliert hat. Einige zentrale programmatische Bemerkungen Leitners seien hier zitiert und inter- pretiert. Voran ein Kernsatz Leitners zu seiner Lebens- und Arbeitsgeschwindigkeit, er lautet etwa: „Die beste Geschwindigkeit des Fotografen ist die Schrittgeschwindigkeit.“ Und Leitner ist der Flaneur unter den Fotografen, jede Hast ist ihm fremd, er lässt sich treiben, begibt sich auf die Suche nach Motiven. In Tirol legte er 671 Kilometer mit einem Leihwagen zurück, um vor Ort „Fotorundgänge“, wie er selbst sagt, zu machen. Leitner „ergeht“ sich seine Welt, stunden- und tagelang, wo immer er auch sein mag. Seine Arbeitsweise basiert auf Langsamkeit und Genauigkeit. Er nimmt sich Zeit, ist einer, der dem Zufall auf der Spur ist. In einem Interview zitierte er einmal Hartmut Böhme: „Der Flaneur sucht nicht den schnellsten Weg von hier nach dort, sondern bevorzugt die Odysseen des Zufalls.“2)Hartmut Böhme, „Schildkröten spazieren führen“, in: Neue Zürcher Zeitung, 19. Mai 2007, online: http://www.nzz.ch/articleF2LNV-1.361104. Dass ihm dabei kommerzielle Einschränkungen beziehungsweise Aufträge, Zwecke und Zeitrahmen völlig fremd sind, versteht sich von selbst, ebenso wenig interessiert ihn die Schnelligkeit und Beliebigkeit der Digital- fotografie. Er glaubt an die Einmaligkeit eines Bildes, seine Welt ist bis heute analog. Er entscheidet vor und bei der Aufnahme, wählt seine Bilder beim Fotografieren sorgfältig aus, nicht danach. Entscheidend ist der richtige Moment, das richtige Motiv zur richtigen Zeit; und Leitner ist auf der Lauer bei seinen Exkursionen, sein Timing stimmt, denn ein weiterer Kernsatz Leitners lautet: „Nachher ist nicht wie vorher.“

Fotografieren bedeutet für Leitner „eine Einstellung machen“. Das heißt bei Leitner aber auch, eine Einstellung, eine Haltung haben. Leitner sagt ferner: „Alles bei mir ist eins“. Seine Welt ist ein schillerndes Kaleidoskop unterschiedlichster Eindrücke und Einfälle, er liebt Zitate, Objekte, Bilder in oft überraschenden, ironischen Zusammenhängen, er will sie vereinen, zu einem stimmigen, in sich geschlossenen Kosmos fügen; Kunst und Leben sind für Leitner eins, und wenn das Leben weitergeht, dann in seinen Bildern.

References   [ + ]

Gerald Matt, geboren 1958 in Hard, Vorarlberg, arbeitet als freier Kurator und Kulturmanager.