Christine Frisinghelli

Clara Wildberger: Stages

Stages nennt Clara Wildberger ihren Beitrag zum Projekt ÖsterreichBilder. Mit einem im weitesten Sinne dokumentarischen Fotoessay zu einem facettenreichen Bild des Landes heute beizutragen, so lautete (sehr kurz gefasst) die Einladung. Wildberger wählte als thematischen Fokus den Blick auf das Kulturleben Österreichs: Festivals bilden hierzulande eine viel genutzte gesellschaftliche Kontaktzone und führen als gestaltete Präsentations-, Auf- und Vorführungsereignisse die Parade der Berührungs- und Aneignungsrituale zwischen Kunst und Öffentlichkeit wohl an. Auch kommen Festivals um die Behauptung, den state of the art zu definieren, nicht herum – so erst nehmen sie ihren Platz in der Ökonomie des Austauschs ein und lassen sich als wichtige Ereignisse vermitteln und vermarkten.

Die Auswahl der Spielorte hat Wildberger mit Bedacht getroffen: Ihre Fotografien ent- standen im Laufe des Jahres 2016 an den Produktionsstätten österreichischer Festivals und nehmen Bezug auf ein breites Spektrum künstlerischer Projekte: etwa auf das Tanztheaterstück State der norwegischen Choreografin Ingri Fiksdal oder auf Events im Rahmen des „club panamur“ beim steirischen herbst; auf den Jedermann der Salzburger Festspiele; On Earth von The Loose Collective; oder The Father Care Piece Piece, eine Koproduktion des Freischwimmer Festivals in Wien. Steht der Jedermann geradezu modellhaft für ein im bürgerlichen Kulturleben seit den 1920er-Jahren verankertes ritualisiertes Fest-Spiel, so stellen etwa der steirische herbst (seit 1968) und Elevate (seit 2005) zeitgenössische künstlerische Produktion dezidiert in den diskursiven Kontext aktueller gesellschaftspolitischer, philosophischer oder ökologischer Fragestellungen.

Festivals bilden eine Plattform, auf der aktuelle künstlerische Produktion sichtbar und für ein (möglichst großes) Publikum wahrnehmbar, auch: konsumierbar werden soll.

In diesem Sinn sind Festivals immer auch ein Stück Politik, weil hier Ansprüche kultur- politischer Repräsentation mit ungeschützten, fragilen Ergebnissen künstlerischer Arbeit im medialen und öffentlichen Raum aufeinandertreffen. Kommerziell erfolgreichen, kulturpolitisch repräsentativen und touristisch nutzbaren Veranstaltungen ein Konzept entgegenzuhalten, bei dem Erfahrung und Austausch an die Stelle von Kontemplation oder Konsum treten, verlangt die Verteidigung eines Begriffs des Ereignisses, der dieses gerade als nicht medial vermittelbar fasst.

Das könnte eine der Fragestellungen sein, die Wildberger in ihrer Annäherung an das Thema beschäftigt haben. Darauf verweist auch der Titel ihrer Arbeit: Stages – das sind einerseits die Schauplätze, auf denen die Protagonistinnen und Protagonisten agieren. Dieser Begriff birgt neben der Beschreibung des Ortes – als Podium, Theaterbühne, Schauplatz oder Plattform – auch eine zeitliche Bedeutung: Phasen, Zustände, Stadien. Auf oder auch in diesen „stages“ porträtiert Wildberger Personen, die Akteurinnen und Akteure, Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Bühnenarbeiterinnen und -arbeiter, aber auch Zuseherinnen und Zuseher sein könn(t)en. Nicht wir, die Betrachterinnen und Betrachter, sind es, die angesprochen werden: Meist auf sich selbst konzentriert, sehen wir sie in Gedanken versunken, vielleicht in Vorbereitung auf ihren Auftritt, außerhalb eines Bühnengeschehens. Auch die Aufnahmen von Bühnen und Räumen gewähren uns keinen Blick auf eine Szene oder einen Prospekt, auf den man ein Szenario projizieren könnte.

Die Bilder von Wildberger dokumentieren so nicht ein Ereignis, das sich im Geschehen durch Höhepunkte und visuell durch möglichst dramatische Konstellationen von Akteur und Bühnendekoration auszeichnet, sondern das durch Dauer charakterisiert, ja von toter Zeit bestimmt ist: „Ein Ereignis ist nicht zu trennen von toter Zeit. Diese, die tote Zeit, ist Teil des Ereignisses […], wir sind Zuschauer von etwas, das sehr lange in der Schwebe bleibt, das noch nicht ist. Nicht die Medien können das Ereignis erfassen, sondern die Kunst kann es. […] Das gewöhnlichste Ereignis macht uns zu Sehern, während die Medien uns zu bloß passiven Zuschauern und schlimmstenfalls zu Voyeuren machen.“1)Gilles Deleuze, Unterhandlungen, 1972–1990, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 227.

References   [ + ]

Christine Frisinghelli, geboren 1949 in Graz; Kuratorin und Autorin; mit Manfred Willmann Organisation der „Symposien über Fotografie“; 1980 Mitbegründerin der Zeitschrift Camera Austria International, Redaktionsleitung bis 2010; von 1995 bis 1999 Intendantin des Festivals steirischer herbst; seit 2001 Kustodin des Fotoarchivs Pierre Bourdieu; lebt in Graz.