Michael Ponstingl

Christopher Mavrič’ fotografische Improvisationen

Fotografien lassen sich als materialisierte Spuren begreifen, Spuren einer Auseinander- Setzung, welche die Fotografin, der Fotograf mit dem begehrten Objekt geführt hat. Dabei schreiben sich raum-zeitliche, soziokulturelle, ökonomische und technische Verhältnisse – manche mehr, andere weniger bewusst – in das Lichtbild hinein. Gerät ein Mensch vor das Kameraauge, kompliziert sich der Prozess um ein Beträchtliches. Das treibt Mavrič um. Als einem Fotografen, der auf den Straßen seine Bilder entwirft, drängt sich ihm unablässig die Frage auf, in welche Verbindung er zu den Abgelichteten treten möchte und tatsächlich tritt. Anders als im Studio, wo die Institution die Rollen, Porträtist und Porträtierte, vorzeichnet, ist die Situation auf der Straße weitgehend undefiniert. Um hier den Übertritt ins Persönlich-Private eines Menschen zu bewältigen, muss der Fotograf spezielle Fertigkeiten mitbringen. Eine versierte Handhabung des Apparats (hier einer zweiäugigen Rolleiflex, 6 × 6 cm), ein klares Bewusstsein von der Sensibilität des Geschehens und eine ausformulierte Ethik des Bildermachens gehören gleichermaßen dazu wie eminente Gegenwärtigkeit für spontanes Interagieren und die Gabe der kompositorischen Improvisation.

Mavrič geht weder auf den ganz und gar geheimen noch aggressiv-objektifizierenden Schuss. Fotofreibeuterei und die damit einhergehende Ästhetik des spektakulär- spektakelhaften Schnappschusses sind seine Sache nicht. Vorstellungen, jemandem
ein Geheimnis zu entreißen, diesen zu demaskieren oder etwas Selten-Sichtbares zu entbergen, befremden ihn. Konträr dazu setzt er auf ein untergründiges Einverständnis mit den potenziell zu Porträtierenden. Zuallererst heißt das, anzuerkennen, dass einem jeden Menschen das Anrecht auf sein eigenes Bild zukommt. Dieses so begriffene Einverständnis umschließt immer die Gesamtsituation und nicht allein den Belichtungs- akt, weshalb es nicht zwingend eine vorgängige Absprache benötigt. Eine Vielzahl an Zeichen – kurze Wortwechsel (wann auch immer), minimale Gesten, beredte Blicke – kann den Fotopakt autorisieren. Klappt das Zusammen-Spiel, zeitigt das als einen ding- haften Niederschlag der sozialen Beziehungen ein einverständliches Porträt, dem man die dezidiert-behutsame Haltung nachfühlen kann.

Sein hier auszugsweise präsentiertes Work-in-Progress Zwischen Brücken lebt Mavrič in seinem unmittelbaren Lebensraum seit 2015, der Brigittenau, dem 20. Wiener Gemeindebezirk. Der Titel spielt auf die historische Ortschaft Zwischenbrücken ebenda an und verweist darauf, dass die Brigittenau Teil einer Insel, umgeben von Donauarmen, ist. Christopher Mavrič folgt keinem übergeordneten Abbildungsprogramm, das Menschen nach Geschlecht, Klasse, Ethnie oder sonst wie kategorisiert, sondern er sucht die fotografische Situation mit Menschen. Instinktiv will er sehen, was ihn an der uneinholbar selbst-verständlichen Präsenz des Gegenübers fasziniert, anzieht und stets aufs Neue fordert

Michael Ponstingl ist Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt auf fotografischen Kulturen und arbeitet am Photoinstitut Bonartes, Wien.